Spiritualität und Psychotherapie

Ich verwende statt Spiritualität lieber den Begriff der Transzendenz. Ohne mich hier auf die jahrhundertelangen philosophischen Auseinandersetzungen um diesen Begriff einzulassen, möchte ich deutlich machen, wovon dabei gesprochen wird. Transzendenz bedeutet das Überschreiten einer „diesseitigen“, mit den Organen der Sinneswahrnehmung erfahrbaren Realität. Hier stellt sich eine Reihe von Fragen:

Wie können wir Kenntnis dieser transzendenten Wirklichkeit erlangen, wenn uns unsere üblichen Mittel und Sensorien nicht zur Verfügung stehen?

Wie können wir überhaupt davon wissen, wenn es sich um 2 getrennte Bereiche handelt?

Die Antworten fallen sehr verschieden aus, je nachdem, ob sie aus dem Bereich der Religion, der Philosophie oder diversen Weisheitslehren stammen. Und schließlich bleibt auch die Frage, welche Bedeutung das für psychotherapeutische Konzepte und Praktiken hat?

Die Psychotherapie hat seit ihren Anfängen ein kritisches Verhältnis zu solchen Fragen und Sigmund Freud und viele seiner Nachfolger haben ein eher distanziertes Verhältnis zu Religion und Fragen des Übersinnlichen, die häufig als ein System von Projektionen verstanden werden, das zwar vielleicht für das Überleben der Gattung nützlich sein mag, aber für moderne wissenschaftliche Rationalität doch eigentlich eine Zumutung darstellt. Eine frühe Ausnahme bildet hier C. G. Jung, der versuchte, in seiner Archetypenlehre und etwa dem Konzept der Synchronizität einen Raum für das Verständnis überindividueller, „okkulter“ und transzendenter Phänomene zu schaffen. Aber bis heute gibt es eine starke säkulare Tradition in der Psychotherapie, etwa bei Irvin Yalom, der sich auch bei existenziellen Fragen der menschlichen Existenz klar zu einem immanenten Verständnis der Welt bekennt und mit der Zumutung auseinandersetzt, in einer rein diesseitig gedachten Welt und angesichts der menschlichen Endlichkeit Sinn zu finden (etwa in seinem Buch Existentielle Psychotherapie oder auch In die Sonne schauen - Wie man die Angst vor dem Tod überwindet).

Nun ist dieser Trend nicht bruchlos.

Dazu tragen nach meiner Überzeugung die folgenden gesellschaftlichen und individuellen Faktoren bei:

Die Fortdauer hochgradig irrationaler und zerstörerischer Tendenzen in der Neuzeit, gepaart mit ebenso hochgradiger Effizienz, Rationalität, Steuerungskompetenz. Wir sehen hier eine massive Spaltung, die schwer auszuhalten ist und starke Gefühle auslöst wie Angst, Ohnmacht, Resignation, Wut. Die Begrenztheit wissenschaftlicher Erklärungsmodelle wird ebenso deutlich wie die Begrenztheit rationaler Handlungsoptionen und weist hin auf den weiten Raum des Unerklärlichen.

Gerade neue wissenschaftliche Entwicklungen in der Physik, der Gehirnforschung, der Biologie zeigen die Komplexität, Vernetzung, Interdependenz unseres Seins und berühren zahlreiche im traditionellen Sinn spirituelle Themen.

Die geistige Erstarrung, strukturelle Verkrustung und zunehmende Unbeweglichkeit der traditionellen Religionssysteme lässt Menschen bei ihrer Sinnsuche im Stich. Diese Lücke wird gefüllt durch Angebote östlicher Weisheitslehren, sektenartige Organisationen und einen weiten Markt an sinnstiftenden Heil(ung)sversprechen unterschiedlichster Art und Seriosität.

Neuere Untersuchungen im Bereich der Gesundheits- und Glücksforschung belegen die enorme Bedeutung mentaler, religiöser und spiritueller Wirkfaktoren für Gesundheit und Wohlbefinden.

Die Psychotherapeuten_innen tun also gut daran, sich diesen Fragen und Herausforderungen zu widmen, um ihren Klienten_innen in deren Lebenswelt begegnen und ihnen alle hilfreichen Unterstützungsmöglichkeiten zu Entwicklung und Lebensfreude zur Verfügung stellen zu können.

Nun führt die Beschäftigung mit existenziellen Sinnfragen die wenigsten Menschen zu einem Therapeuten oder einer Therapeutin. Und natürlich ist eine gesunde Skepsis angebracht, wenn ein unvermittelter Sprung in Glaubenssysteme dazu dient, die schmerzhafte Beschäftigung mit der eigenen Persönlichkeit zu vermeiden und durch esoterische Praktiken zu ersetzen.

Vielen ist sicherlich das Pyramiden-Modell der Bedürfnishierarchie von A. Maslow (Motivation und Persönlichkeit rororo 739) bekannt:

5. Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung
Selbsterfüllung:
alles zu werden, was zu werden
man fähig ist

4. Bedürfnisse nach Achtung
Stärke, Leistung, Kompetenz
Vertrauen, Unabhängigkeit, Freiheit
Status, Bedeutung, Anerkennung
Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Würde

3. Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Liebe
Liebe, Zuneigung, Zugehörigkeit, Sympathie

2. Sicherheitsbedürfnisse
Sicherheit, Stabilität, Geborgenheit, Schutz, Angstfreiheit
Bedürfnisse nach Struktur, Ordnung, Gesetz, Grenzen

1. Grundlegende physiologische Bedürfnisse
Hunger, Durst, Wärme, Sexualität

Dieses Modell funktioniert so, dass die unteren Schichten die oberen erst ermöglichen; so wie ein Haus aus dem Fundament entsteht und nicht einfach das Dach in die Luft gehängt werden kann. Ein Mensch, der sich mit den grundlegenden Fragen der Existenzsicherung beschäftigt, wird sich nicht um Fragen der Selbstverwirklichung kümmern können.

Für die psychotherapeutische Praxis wird man ein ähnlich strukturiertes Modell konstruieren können, das uns erlaubt, die Bedeutung der Transzendenz einzuordnen.

Ganz allgemein und schlicht kann man sagen, dass es Menschen gut bekommt, mit sich im Reinen zu sein. Ein großer Teil therapeutischer Arbeit besteht darin, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Menschen die unterschiedlichen Aspekte ihres Selbst annehmen können. Wenn wir im Sinne der Theorie der Gestalttherapie das Selbst als die Dynamik des Kontakts mit der Welt verstehen, dann ist dieser Kontakt flüssig, jederzeit der Situation und den Bedürfnissen angemessen, kreativ und nährend. Das umfasst nun die unterschiedlichen Dimensionen der menschlichen Existenz, in denen jeweils Integrität und Identität hergestellt wird, die in ihrer Gesamtheit das Empfinden von Ich sicherstellen:

Eins-Sein mit der eigenen Leiblichkeit (Geschlecht, sexuelle Identität, Aussehen, Alter, körperlicher Zustand, evtl. Behinderung, Körperempfindung und -bild)

Eins-Sein mit der eigenen sozialen Existenz (Lebensgeschichte, Familien- und Freundschaftsbeziehungen, Arbeit, Platz in der Welt)

Eins-Sein mit der eigenen ethischen Existenz (Wertvorstellungen, Lebensziele)

Eins-Sein mit dem Universum, Gott o. ä., Bezug zu einer überindividuellen Wirklichkeit, die mich und alles andere umgreift
Die letzte Dimension löst nun allerdings das Empfinden von Ich auf, da in diesem Bereich die Erfahrung von Verschmelzen, Eins-sein, also gerade das Überschreiten der Dualität unserer Alltagswelt- und -erfahrung angestrebt wird.

In der psychotherapeutischen Praxis hat man es in der Regel mit den ersten beiden Dimensionen zu tun, in denen sich die Ängste, neurotischen Muster und Traumata verkörpern und als Störungen im Lebensvollzug manifestieren. Klienten_innen stehen vor der nicht immer leichten Aufgabe, dies mit Hilfe ihrer Therapeuten_innen durchzuarbeiten und neue Handlungsmöglichkeiten zu gewinnen. Da hilft es nicht viel, wenn sie diesen mühsamen und schmerzhaften Prozess ersetzen durch die spirituelle Idee, dass wir im Grunde alle eins und in unserer Essenz Liebe sind. Der Alltag gelingt trotzdem nicht und eventuell verstärkt dieses Scheitern die Probleme sogar noch wegen daraus erwachsender Gefühle von Ungenügen und Schuld.

Es ist also dringend nötig, die Schichten, die unsere Probleme in der diesseitigen Welt abbilden zum Gegenstand der Arbeit zu machen. Die Sinnfragen ihrer Existenz können Klienten_innen danach i. d. R. alleine oder mit der Unterstützung spiritueller Lehrer_innen  beantworten, wenn sie sich in den anderen Bereichen stabilisiert haben.

Welche Bedeutung haben demnach Fragen der Transzendenz bzw. der Spiritualität für die therapeutische Praxis, in der es doch primär um anderes geht?

Einerseits sind spirituelle und psychotherapeutische Konzepte verschränkt in dem Begriff der Vergebung. In der Gestalttherapie hat Arnold Beisser das die paradoxe Theorie der Veränderung genannt Sie besagt, nur wenn ein Mensch sich mit sämtlichen Dimensionen seiner gegenwärtigen Existenz identifizieren kann, geschieht Veränderung. Das Kämpfen gegen Aspekte meines Seins enthält immer ein Nicht-Akzeptieren, innere Spaltung und ein periodisches Überwältigt-Werden von Schuld, Angst und Destruktivität (= Angriff gegen mich selbst oder andere). In dem spirituellen Konzept des Kurs' in Wundern heißt es ganz ähnlich: Richtig verstanden lehrt Psychotherapie Vergebung und hilft dem Patienten, sie zu erkennen und zu akzeptieren (Ergänzungen zu Ein Kurs in Wundern).

Unmittelbare Berührung mit therapeutischen Themen haben Sinnfragen, die sich einerseits allgemein (hat mein Leben einen Sinne?), aber auch in zahlreichen Lebens- und Belastungssituationen stellen. Zugespitzt: Haben mein Leid, meine Schmerzen, meine Schwierigkeiten einen Sinn? Kann ich ihnen einen abgewinnen? Welche Entwicklungs-, Wachstumsaufgaben sind darin enthalten? So wie es der amerikanische Schriftsteller Richard Bach formulierte: There is no such thing as a problem without a gift for you in its hands. Es gibt Forschungen, dass Menschen mit einer (im weitesten, also nicht nur kirchlich-institutionellen) Sinne religiösen Bindung besser mit belastenden Lebenssituationen umgehen können.

Zahlreiche therapeutische Konzepte enthalten Aspekte von Transzendenz. Ich denke dabei neben C. G. Jung an die Schulen der transpersonalen Psychologie und Psychotherapie im Gefolge von Stanislaw Grof, an körpertherapeutische Schulen wie CoreEnergetics und CoreEvolution. In allen diesen Verfahren wird ein überpersönlicher Bezug als wesentlich für Heilung und Entwicklung angesehen.

Es ist mittlerweile erforscht und auch klar belegt, dass Praktiken, die einen Kanal zu Transzendenz öffnen, Gesundheit und Wohlbefinden fördernde, heilende oder therapieunterstützende Wirkung haben. Dies gilt zum Beispiel für viele Meditationspraktiken.

Viele Therapeuten_innen haben einen persönlichen Bezug zu Spiritualität und eine kontinuierliche Praxis in dieser Hinsicht (etwa unterschiedliche Arten der Meditation). Dies gilt selbst für Kollegen_innen aus so „diesseitig“ ausgerichteten Verfahren wie Verhaltenstherapie. Nun kann man natürlich der Auffassung sein, dass Religion und Spiritualität Privatsache sind und daher in der Therapiepraxis keine Rolle spielen. Es ist allerdings schwer vorstellbar, dass die persönlichen Überzeugungen und vor allem Praktiken eines_r Therapeuten_in nicht in deren Arbeit einfließen, vor allem, wenn sie Therapie als Beziehungsarbeit verstehen. Die persönliche Ausrichtung wird daher sehr wohl den Therapiealltag färben und prägen, auch wenn der Klientin und die Klientin davon vielleicht gar nicht explizit wissen.

Vielleicht hat die geringe Rolle, die Fragen von Spiritualität und Transzendenz in der Diskussion um Psychotherapie spielen, sehr viel mit der „offiziellen“ Ausrichtung unseres gesamten Gesundheitssystems zu tun. Die Fragen von Finanzierbarkeit, wissenschaftlicher Begründbarkeit und Effizienz überlagern den gesamten Bereich so sehr, dass kein Raum bleibt für die feinen Strömungen außerhalb dieser engen Definitionen. Die Frage ist nicht mehr, was Menschen in ihrer Entwicklung und Gesundung unterstützt, sondern, was bezahlt wird; und bezahlt wird nur, was wissenschaftlich nachweisbar ist. Die ironische Konsequenz ist, dass diese technisch-medizinisch ausgerichteten Leitvorstellungen das Gesundheitswesen weder besser, also heilender, noch preiswerter gemacht haben.

Dies soll kein Plädoyer sein für den Ersatz fachlicher Kompetenz durch Glauben und Transzendenz. Ich möchte erinnern an die Bedeutung von erfahrbaren Wirkungen jenseits des (natur)wissenschaftlichen methodischen Arsenals, die in den Zwischenräumen menschlicher Begegnung stattfinden.

Der amerikanische Gestalttherapeut Stephen Schoen spricht deshalb von einer „weisen Psychotherapie“, d. i. eine, die jenseitige Aspekte oder metaphorisch das Herz in ihr Konzept aufnimmt. Eine solche Sichtweise ist offen für alles, was sich im Raum der Ich-Du-Beziehung (Martin Buber) ereignet, auch für Aspekte der Transzendenz.